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Wissenschaftlich fundierte Analyse und Chronologie
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(TOP 100 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Der italienische Faschismus 1919-1945 (Broschiert) Nach einem Forschungsaufenthalt am Deutschen Historischen Institut in Rom, Professuren an verschiedenen Universitäten und Ämtern in diversen Hochschulgremien war der promovierte Historiker und Literaturwissenschaftler Wolfgang Schieder (Jg. 1935) schließlich zwischen 1991 und 2000 als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität zu Köln beschäftigt. Im Jahre 1995 wurde ihm von der Facoltà di Scienze Politiche der Universität Bologna die Ehrendoktorwürde verliehen. Als wohl renommierteste Koryphäe für das Thema hat Prof. (em) Dr. Dr. h. c. Schieder - neben Göttingen - seinen Zweitwohnsitz in Rom....

....was ihn zur Autorenschaft des im August 2010 in der Reihe C.H. Beck Wissen erschienenen Bandes "Der italienische Faschismus 1919-1945" zwangsläufig prädestinierte sollte.

In seinem ersten Kapitel geht der Autor zunächst auf historischen Perspektiven des italienischen Faschismus ein. So betrachtet er ihn als italienischen Sonderweg in der Geschichte, der aus der Geschichte des italienischen Nationalstaates zu verstehen ist. Seine europäische Dimension erreichte er nicht aus seiner Entstehungs-, sondern aus seiner Wirkungsgeschichte. Der Faschismus verstand sich im Ursprung nicht als Partei, sondern als Bewegung, die sich in permanenter Mobilisierung befindet und sich weder einer oligarchischen Führung, noch einem bürokratischen Apparat unterwerfen wollte. Ursprünglich stand die Aktion im Mittelpunkt. Die Praxis des Faschismus benötigte kein Programm, so dass seine Ideologie immer nachgelagert war. Gegner sollten nicht überzeugt, sondern vernichtet werden. Aufgrund ihres paramilitärischen Charakters verstand sich der Faschismus als Bürgerkriegsbewegung, deren Elan sich in einer imperialistischen Gewaltpolitik fortsetzte. Wolfgang Schieder teilt die Historie des italienischen Faschismus von seiner Vorgeschichte bis zur 1943 gegründeten "Repubblica Sociale Italiana" - einem weiteren Satellitenstaat Hitlers - in fünf Phasen ein, denen er jeweils eines der folgenden Kapitel widmet.

Die besonderen historischen Rahmenbedingungen bestanden in einer Krisenakkumulation, die sich aus der relativen Gleichzeitigkeit von unvollendeter Nationsbildung, ungelösten Verfassungskonflikten und unbewältigten wirtschaftlichen Wachstumskrisen ergaben. Hinzu kam die Gewaltenthemmung als Folge des Ersten Weltkrieges, der Mythos eines "verstümmelten Sieges" und die Angst vor dem Bolschewismus, den die faschistische Bewegung am kompromißlosesten zu bekämpfen versprach. Nachdem der am 23. März 1919 in Mailand gegründete "Facismo italiono di combattimento" und sein erstes Programm (Mindestlöhne, Mitbestimmung, Achtstudnentag, Alters- und Invalidenversicherung, Frauenwahlrecht und Abschaffung der Monarchie) in der ersten Nachkriegswahl eine vernichtende Niederlage erltten hatten, unternahm der "Duce del fascismo" als ein Linker auf dem Weg nach rechts eine radikale Kurskorrektur, indem er sich künftig alle Möglichkeiten offen hielt. Von nun an bediente sich Mussolini einer Doppelstrategie. Einerseits nahm der die Rolle des zum Kompromiß bereiten Staatsmannes an, andererseits drohte er unverblümt mit einem Putsch des radikalfaschistischen Sqadrismo. Damit führte er den Faschismus mit einer Methode an die Macht, die bis dahin nirgendwo ein Vorbild hatte. Das Bekenntnis zur Monarchie, einer liberalen Wirtschaftspolitik, der Rücknahme der Sozialpolitik und die Verneigung vor der katholischen Kirche führten am 29.10.1922 schließlich zur Beauftragung Mussolinis zur Regierungsbildung und seine Ernennung zum Ministerpräsident durch den König. Danach wurde das Parlament erpresst, das sich dann mit einer Reihe von Gesetzten selbst entmachtet und Mussolini alle Machtoptionen in die Hände spielte.....

Mit dem Korporativismus entsandt die Utopie der Überwindung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit. Der ursprünglich im Rahmen des aggressiven Imperialismus gegen Slawen und Afrikaner gerichtete faschistische Rassismus erhielt durch die Sanktionen des Völkerbundes eine eine antisemitische Dimension. Vermischungen wurden als "Rassenschande" sanktioniert und auch die Juden wurden ab 1938 aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Der Autor stellt jedoch fest, dass dass es im faschistischen Italien nie zu einem angewandten Rassismus mit medizinischen Versuchen am Menschen, Zwangssterilisationen, Euthanasie und biologisch begründetem Massenmord gekommen ist. Der italienische Faschismus wollte die Juden wieder ins Ghetto zurückdrängen, nicht aber als solche vernichten. Der Hungertod von möglicherweise 5 % der griechischen Zivilbevölkerung während der italienischen Besatzung war nicht intendiert, sondern allenfalls billigend in Kauf genommen worden. Am Horn von Afrika hatte der Faschismus jedoch eine Schreckensherrschaft errichtet, für die es mit ihren 24.000 "standesrechtliche Erschießungen" und weiteren 35.000 Ermordungen in Konzentrationslagern, kein Vorbild in der Kolonialgeschichte gab.

Weitere Betrachtungen widmet der Autor dem mythischen Personenkult um den charismatischen, weil erfolgreichen Duce, seiner Überzeugung einer natürlich bedingten Inferiorität der Frauen und seiner Rolle und Taten in der von ihm als "Achse Rom-Berlin" bezeichneten Allianz mit Hitler. Weiteren Abschnitten von der Absetzung Mussolinis, seiner Inhaftierung und seine Befreiung durch deutsche Fallschirmjäger aus dem Campo Imperatore in den Abruzzen bis zur Zurschaustellung seines Leichnams auf dem Piazzale Loreto in Mailand, folgt das kritische letzte Kapitel über den "Faschismus in der kollektiven Erinnerung der Italiener".

Eine Zeittafel mit den wichtigsten Daten und Fakten zum Leben Benito Mussolinis und des italienischen Faschismus, ein Literaturverzeichnis sowie ein Register bilden Anhang und Abschluss einer wissenschaftlich fundierten Analyse und Chronologie, die mit 5 Amazonsternen zu bewerten ist.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 12. Juni 2011
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